„Spielhunger kannst du nicht kaufen“

Hartberg-Präsidentin Brigitte Annerl
Hartberg-Präsidentin Brigitte Annerl

©GEPA pictures/ Wolfgang Grebien

Hartberg‐Präsidentin Brigitte Annerl hat „Wir Frauen im Sport “ in der Firmenzentrale von „Lenus‐Pharma“ in Wien-Ottakring empfangen, herzlich empfangen, wie das Foto zeigt. Annerl erklärt WIFIS-Obfrau Elisabeth Auer ihre Form der Führung eines Vereins, sie spricht über kleine Budgets, sagt STOPP, wenn es um Vergleiche mit dem LASK geht, erzählt, was sie von der Überlegung des ÖFB hält, die Lizensierung an Frauenteams zu knüpfen und hat eine Meinung zum Millionenbusiness Fußball.

Willkommen Elisabeth Auer Wir Frauen im Sport Lenus Pharma

©Elisabeth Auer

WIFIS: Das Spiel Hartberg gegen die Austria letztes Wochenende war nichts für schwache Nerven zwei Eigentore, eine rote Karte wie haben Sie die Partie gegen die Austria erlebt?

Brigitte Annerl: Turbulent und spannend bis zum Schluss, wie halt nun mal Hartberg‐Spiele sind. Es wird ein Elfer gegeben, ein Elfer wird nicht gegeben, der wird verschossen, dann die Eigentore…das ist spannend für die Leut‘. Nix fader als ein 0:0.

WIFIS: Die jetzige Saison ist perfekt angelaufen. Sie sind auf dem 5. Tabellenplatz. Warum läuft es bei Hartberg so gut?

BA: Ich glaube, erstens einmal kommt bei uns ein bisschen die Kontinuität zum Tragen. Der Markus (Anm.: Trainer Markus Schopp), der über die Saison geblieben ist, der jetzt die nächste Saison macht, das ist ein Punkt. Und der zweite ist ein ganz einfacher: sind Freunde, das ist wirklich ein Team! Wir haben Spieler, die kennen sich von der Schule. Die kennen sich vom Nachbarort. Die sind schon Ewigkeiten befreundet. Der eine hat mit dem Bruder gespielt, der andere kennt die ganze Family. Die mögen sich. Die treffen sich auch außerhalb des Fußballplatzes. Das ist dieser Spirit. Das ist schon vorletzte Saison schon berichtet worden: „Das sind die leiwanden Hartberger“.

WIFIS: Wo würden Sie Hartberg in der Liga von der spielerischen Qualität einordnen?

BA: Woran gemessen? An den Punkten?

WIFIS: Nein, im Vergleich mit anderen Bundesligisten?

BA: Ich glaube sehr wohl, dass wir eine super spielerische Qualität haben. Wenngleich wir und das möchte ich schon sagen, nicht das Budget haben, verlässliche spielerische Qualität einzukaufen. Wir können keine neuen Spieler nehmen, die sich schon bewiesen haben, bei einem Bundesligisten, dort schon Tore geschossen haben, diese und jene Facetten gezeigt haben. Bei uns suchen Erich Korherr und Markus Schopp junge Talente, die hungrig sind. Hunger kannst du nicht kaufen, ich meine Spielhunger. Du musst junge Talente suchen, die auch gut ins Team passen. Also am Ende des Tages, sind wir ein Ausbildungsverein. Und wir haben ja schon einige Spieler ‐ der Florian Flecker, der jetzt bei Union Berlin ist, die haben ja doch längere Zeit angeklopft….also, wir haben immer wieder Spieler hervorgebracht die dann auch von deutschen Klubs begehrt sind. Das ist eine Leistung, die geht auf die zwei verantwortlichen Personen zurück. Wir haben das geringste Budget der Liga mit 4 Millionen. Das ist lächerlich, aber wir können
spielerisch mit den Großen mithalten und das macht uns stolz.

WIFIS: Mithalten ist angesichts der Tabelle eine Untertreibung, denn ausgenommen von Salzburg – sind die „Großen“ derzeit hinter Hartberg gereiht. Sind WAC, LASK, Hartberg die neuen Giganten?

BA: Salzburg ist immer außen vor. Aber ja, wie gesagt, wir sind stolz, dass wir mitspielen können. Das stimmt schon jetzt in der Tabelle, aber wir haben fünf Spiele hinter uns. Das ist jetzt noch nicht so viel. Ich darf auch erinnern, wir hatten letzte Saison einen starken Herbst, aber dann haben wir 22 Spiele gehabt. Bitte, wir kennen alle die Geschichte: Wir haben super Punkte gehabt und durch die Teilung überhaupt nicht profitiert, was alle im Vorfeld gesagt haben, Hartberg wird durch die
Punkteteilung profitieren. Also nein, es war das Umgekehrte der Fall.

WIFIS: Der LASK hat international gerade aufgezeigt. Ist das ein Ziel für Hartberg international mitzuspielen?

BA: Ich hab letztens erst nachgedacht: Wir sind vor zweieinhalb Jahren Meister in der Regionalliga geworden, haben gespielt gegen Klubs, wie Union Gurten und Allerheiligen…und das war super. Zwei Jahre und drei Monate später absolvieren wir unsere zweite Bundesligasaison und werden mit internationalen Fragen konfrontiert. Das ist eigentlich, wenn man es sich von der Zeitleiste ansieht, ein Wahnsinn, oder?! Aber Stopp: Wir sind in Hartberg, wir spielen mit Leidenschaft und Begeisterung einen Fußball, der schön zum Anschauen ist. Unser Ziel bleibt der Klassenerhalt.

WIFIS: Bei all dem Zusammenhalt, den Sie angesprochen haben, welche Rolle spielt das Geld? Schießt Geld Tore?

BA: Ich glaube man kann die Frage nicht mit JA und nicht mit NEIN beantworten. Große Klubs haben die Mittel sich verlässliche Qualität zu kaufen. Die können wie in einem Unternehmen Top‐Manager abwerben. Da weißt du, okay, der der die Qualität bewiesen hat, der kostet viel Geld, den kann ich abwerben, wenn ich viel Geld hab. Das haben wir nicht. Wir sind ein Ausbildungsverein. Das wogegen ich persönlich bin, das sind die Riesentransfers. Die können ein Gruppengefüge zerstören und Neid und Missgunst schüren.

WIFIS: Lustigerweise hat sich international zuletzt ausgerechnet Ronaldo gegen die hohen Transfersummen ausgesprochen.

BA: Naja, man sieht ja Beispiel Neymar – der wurde teuer eingekauft. Der ist ein Topfußballer, aber offenbar passte es nicht. Also es hängt nicht nur vom Geld ab. Die Konstellation hat nicht gepasst. Für Ronaldo passt es jetzt bei Juventus, aber hohe Transfersummen sind kein hundertprozentiges Erfolgsrezept.

WIFIS: Kommen wir zurück nach Hartberg. Warum engagieren Sie sich als international erfolgreiche Geschäftsfrau ausgerechnet in diesem Verein?

BA: Ich habe kein wirtschaftliches Interesse. Ich war immer schon fußballaffin und begeistert und vor 8 Jahren als ich meine Firma umgebaut habe, war der Projektleiter Hartberger. Der hat mein Fußballinteresse gekannt und der hat gefragt, ob ich nicht den TSV Hartberg sponsern möchte. Ich hab noch gesagt: Wer ist das? Es war ja kein so bekannter Verein. Und dann erklärt er mir das und sagt, er fährt mit mir raus. Also, ich bin halt mit ihm hingefahren und habe mir damals gedacht
„Jössasna!“ Das war ein Sportplatz, kein Stadion. Aber es war ein Sportplatz mit lauter engagierten, ehrenamtlichen Leuten mit super Spielern im Team und das hat mir persönlich gefallen. Es war nie mein Ziel, in Fußball zu investieren. Ich hab kein wirtschaftliches Interesse. Es ist eine Herzensanglegenheit.

WIFIS: Angesichts der Größenordnung ihrer Firma hätten Sie international ja ein Sponsoring machen können.

BA: Nein, das war keine Option, weil ich nie ein wirtschaftliches Interesse daran hatte. Wir haben eine Exportquote von 92 % in 71 Ländern. Man kennt Hartberg nur in einem Land. In 70 Ländern kennt man Hartberg nicht.

WIFIS: Wie lange wollen sie Hartberg unterstützen?

BA: So lange es mir Spaß macht, mach ich es.

WIFIS: Hat Hartberg einen Frauenfußballklub?

BA: Nein, wir reden oft darüber ich sag es ganz offen ‐ ich hätte gerne einen, aber es ist finanziell nicht machbar. Wir haben das geringste Budget der Liga und muss schauen, dass wir durchkommen. Wir arbeiten ausschließlich mit Ehrenamtlichen, ausgenommen zwei Mitarbeitern. Sie kennen die Vergleiche, große Klubs haben oft mehr als 100 Mitarbeiter im Back‐Office, wir haben zwei. Der Rest arbeitet ehrenamtlich. Roland Puchas zum Beispiel, der bei der Steuerberatungskanzlei in Graz sitzt, und dann die ganze Medienarbeit und Social Media bei uns bis Mitternacht macht um kein Geld.

WIFIS: ÖFB Präsident Leo Windtner hat im Zukunftspapier ein Szenario gezeichnet, in dem die Lizensierung für Bundesligisten vom Engagement eines Frauenvereins abhängig gemacht wird. Was halten Sie davon?

BA: Ich weiß es ist ein Thema. Konkret gibt es noch nichts. Ich meine, wir haben in Hartberg das größte Nachwuchsteam in der Steiermark mit 280 Nachwuchsspielern. Also das sind Ressourcen. Ich bin für ein Frauenteam und das braucht eine angemessene Förderung. Es gibt engagierte Club‐Obleute, aber da müssen wir uns schon nach der Decke strecken.

WIFIS: Das heißt Sie wünschen sich Unterstützung vom ÖFB?

BA: Das finde ich schon wichtig in dem Zusammenhang. Und was die Lizenz betrifft: Ich meine die Anforderungen für Lizenzen sind umfangreich, wenn ich mich an meine damalige Lizenz-Situation erinnere. Das war für uns ein Wahnsinn. Sie wissen, wir haben erst im dritten Anlauf die Lizenz bekommen. Das war ein Irrsinn in der kurzen Zeit. Ob das jetzt zwangsweise eine Lizenzanforderung sein muss mit einem Frauenteam, das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob man mit Zwang mehr erreicht als mit Unterstützung.

WIFIS: Könnte diese Bedingung das Aus für Hartberg bedeuten?

BA: Nein, Sie kennen mich, geht net, gibt’s net. Das würden wir aufstellen. Man muss sich anschauen, was die Bedingungen sind und letztlich ist es einen Entscheidung, die im Verein fallen muss. Ich persönlich bin sofort dafür. Es war jetzt kein Thema, aber die Überlegungen zu einem Frauenteam gab es immer schon.

WIFIS: Kommen wir wieder zurück zum aktuell sportlichen: Sind Sie im nächsten Spiel am Wochenende gegen St. Pölten in der Favoritenrolle?

BA: Favoritenrolle ist etwas, was ich gar nicht gerne habe. Damit entsteht Druck und eine Last. Wir bleiben lieber der unbedarfte Verein.

WIFIS: Ihr Tipp?

BA: 2:1 für Hartberg

Das Gespräch haben WIFIS‐Obfrau Elisabeth Auer und Hartberg‐Präsidentin Brigitte Annerl am 28. August geführt.