Interview mit Fußballkommentatorin Anna Lallitsch

Interview mit Fußballkommentatorin Anna Lallitsch

"...und auf einmal umarmst du wildfremde Leute!"
Österreichs erste Fußball-Kommentatorin Anna Lallitsch hat ihre Premiere am Sonntag im
ORF absolviert. Wir haben die Steirerin in Graz getroffen und mit ihr über Reaktionen,
Spielphilosophien und das Champions-League-Finale gesprochen.
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WIFIS: Frau Lallitsch, wie war das Feedback auf Ihre Premiere?
Lallitsch: Die Reaktionen waren extremst positiv, wirklich extremst. Vor allem, und das freut mich besonders, wenn es von den Vereinen kommt. Viele haben sich gemeldet, die Trainer von Landhaus und Altenmarkt sind nach der Partie zu mir gekommen, der Mann von der Präsidentin von Altenmarkt hat mir geschrieben, die Trainerin von St. Pölten hat mir gesagt, der ganze Verein ist nach dessen Spiel in Vorarlberg gegen Rankweil extra sitzengeblieben und hat sich das Spiel angesehen. Das ist das schönste Kompliment, wenn es von Fachleuten kommt. Dann haben mir natürlich Bekannte geschrieben und Leute, die ich nicht kenne. Es hat ein, zwei Reaktionen gegeben, die nicht so positiv waren.
WIFIS: Hatten Sie die Befürchtung, dass Kommentare wie bei Claudia Neumann (ZDF) kommen könnten?
Lallitsch: Ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht, ich kenne Claudia Neumann ich kenne die Diskussion. Das ist unter der Gürtellinie, das ist indiskutabel was da passiert ist. Wenn es inhaltliche Kritik gibt, ja immer gern, aber so wie bei Neumann, das geht nicht. Aber ich finde man kann meine Situation mit ihrer nicht vergleichen.
WIFIS: War Fußball-Kommentatorin immer schon ein Traum?
Lallitsch: Ich hab bisher - und das klingt komisch - nie gewusst was ich machen will. Ich hab nur gewusst, das was ich machen werde, möchte ich gut machen. Das klingt jetzt esoterisch, aber das ist wirklich so. Oft weiß man nicht, dass man einen Traum hat, bis man ihn leben darf. So ist es bei mir.
WIFIS: Wie sind Sie dazu gekommen?
Lallitsch: Es war so, dass bei der Euro 2008 der Audiokommentar für Blinde und Sehbehinderte ausgebaut wurde und da sind sie zufällig auf mich gestoßen. Ich kannte mich zwar beim Kommentieren nicht aus, aber vom Fußball hatte ich Ahnung. Ich war immer schon auf dem Fußballplatz. Mein Papa hat meine Schwester und mich mitgenommen und auch die Frauen bei uns - Mama, Oma und Tante - beschäftigen sich mit Fußball.
WIFIS: Was ist aus Ihrer Sicht wichtiger Fakten oder ein Spiel lesen können?
Lallitsch: Beides. Grundsätzlich muss man ein Spiel einmal verstehen und lesen können. Ich spreche vorher mit den Trainern, mit Spielern, schau mir Trainings an und rede über die Spielphilosophie. Dadurch verstehe ich warum, wie gespielt wird. Ich finde aber auch die Hintergrundgeschichten gerade bei den Frauen spannend. Das sind keine Profis, das sind Leute die 40 Stunden arbeiten müssen und sich das mit den Arbeitgebern ausschnapsen, dass sie zum Vormittagstraining können. Das ist für mich der Wahnsinn.
WIFIS: Macht es für Sie etwas aus, dass Sie Österreichs erste Fußball-Kommentatorin in der Geschichte sind?
Lallitsch: Ich muss ehrlich sagen, ich habe das noch nicht realisiert. Das ist aber nichts wo ich mich drauf setze und sage, das bin ich jetzt. Sondern ich will wirklich, wirklich einen guten Job machen. Ob ich die erste Frau bin oder die Siebzehnte, irgendwer muss ja den Anfang machen. Es ist schön, dass ich diejenige sein darf, dafür bin ich dankbar und deswegen will ich auch niemanden enttäuschen.
WIFIS: Wenn wir an die beiden unfassbar spannenden Halbfinali in der Champions League denken, würden Sie das gerne kommentieren?
Lallitsch: Wer würde da nein sagen?!
WIFIS: Haben Sie die Spiele gesehen?
Lallitsch: Ja und genau darum geht's ja im Fußball, oder? Da kriegt man Gänsehaut und dann denkt man sich okay es ist nur Fußball, aber genau deswegen steh ich im Wohnzimmer oder mit meinen Kumpels in der Bar und auf einmal umarmst du wildfremde Leute, weil das so unglaublich ist...
WIFIS: Wer hätte den Titel verdient, Liverpool oder Tottenham?
Lallitsch: Das trau ich mich nach DEN Halbfinale nicht zu sagen, verdient hätten es beide. Ich bin halt ein riesengroßer Klopp-Fan, deshalb würde ich's ihm wünschen.
WIFIS: Danke für das Gespräch.

Das nächste Match kommentiert Anna Lallitsch am Sonntag, den 12. Mai 2019 um 15:00 Uhr auf ORF Sport plus mit dem Bundesligaduell der 15. Runde Wacker Innsbruck gegen SKN St. Pölten.